Bündische Jugend (Buch neu) Rezension: hedo holland

Geschrieben von hedo holland am .

Dr. Rüdiger Ahrens -  
Bündische Jugend -
Eine neue Geschichte 1918 – 1933 -
www.wallstein-Verlag.de 480 Seiten

Dr. Rüdiger Ahrens hat einen Rückblick über die Bündische Jugend geschrieben mit guten Kurzbiographien bündischer Persönlichkeiten. Die „Bündische Jugend“ ist eine Phase der Jugendbewegung, in der nach dem 1. Weltkrieg bis heute Wandervogel- und Pfadfinderbünde sowie andere Gruppierungen zusammen mit bis zu 60.000 Mitgliedern elitäre Milieus entfalten. Sie tragen teils auch für Außenstehende und nach dem Jugendalter Hinzukommende, wesentlich zur Sozialisierung beitragen und  haben überdurchschnittlich viele Führungskräfte in der Gesellschaft hervor gebracht. Die eine Seite, die nationale bzw. konservative Seite der Bünde wird klar dargestellt, besonders exemplarisch an den mitgliederstärksten Bünden. Auch zur Erkenntnis und Aufarbeitung der heutigen rechten, deutsch-nationalen Entwicklungen deckt das Buch interessante Anregungen geben. Soweit stimmen wir mit Rüdiger Wallstein überein. Die Fahrenden Gesellen, der Nerother Wandervogel und die Deutsche Freischar z. B. finden starke Beachtung.
Die Epigonen der Soziologie und Geschichtswissenschaft sehen die besondere Betonung der deutsch-nationalen Bedeutung in der Bündischen Jugend zu wenig dynamisch. Sie hat sich in den Bünden ebenso wie in der Gesellschaft laufend entwickelt. 1848 war beim Vielvölkerstaat Deutschland das Nationale angesagt, um einen gemeinsamen Staat zu erreichen. Wilhelm 2 machte mit überzogenem Säbelrasseln und dem 1. Weltkrieg für viele Deutsche das übertriebene nationale Denken unglaubwürdig. Hitler und der 2. Weltkrieg pervertierten das Nationale fast völlig. Heute haben viele Deutschen und auch Bündische ein weltweites Denken und Achten anderer über Staatsgrenzen hinaus. Das wird im Buch nicht genug deutlich.
Im Buch kommen ebenso die Weiterentwicklungen mit wichtigen Impulsen gegen Krieg, für Naturerhaltung, Weltfahrten, musische Gruppierungen und Entwicklungen und praktische Völkerfreundschaft kurz, gegen alle Diktatur und Willkür. Wie kamen sonst die Weiße Rose der Geschwister Scholl, die Edelweißpiraten und die Abkehr der Nerother und der Jungenschaftler vom von den Hitlernazis zustande? Die beschriebene „Gewisse Männlichkeits- und Autoritätsfixierung“ galt in diesen Kreisen bald nicht mehr, es galt eher eine „Persön-lichkeitsverschwisterung“.
Rüdiger Ahrens kommt von den Gemeindepfadfindern aus Hamburg. Ein Großteil seiner Informationen bekam er von Susanne Rappe-Weber, Archiv Jugendburg Ludwigstein, die nicht aus dem Wandervogel kommt. Immer wieder ist fest zu stellen, dass Wissenschaftler es bis heute nicht schaffen, das Phänomen Wandervogel griffig zu beschreiben - Den Impuls, das Aha-Erlebnis, das lebensübergreifend Prägende in Wandervogel und Jungenschaft. Die Verankerung der Pfadfinderei im Menschen ist beschreibbar, die des Wandervogels schwer.
Wo wachsen sonst so viele Menschen auf mit Antrieben zu lebensprägender Kreativität und Begeisterungsfähigkeit, als im Wandervogel?
Die Brücke zwischen Magischem und logischem Denken entzieht sich der Wissenschaft weitgehend. Diese lebensprägende Brücke wird „Wandervogelgeist“ genannt. Er leuchtet aus Erlebnisschilderungen und Liedern derer, die auf Fahrten Feuer gefressen haben, das Feuer der Weltweitheit. Er zieht sich wie eine aufblitzende Perlenkette durchs Leben der Wandervögel. Wandervogelsein bedeutet, das Leben in Gemeinschaft selbst zu gestalten und damit eine ständige Kulturrevolution gegen das Establishment. Für Entfaltung, Weltweitheit und Mitmenschlichkeit einerseits und für bewährte Traditionen und Naturerhalt andererseits. Damit sowohl fortschrittlich als auch werterhaltend und somit meist unbequem für jede starre Parteiorganisation. Besonders auch deshalb die Verbote durch Nazis und DDR. Die Unangepasstheit der Wandervogelbünde hat auch 1945 und danach dazu geführt, dass eine öffentliche Förderung oft verweigert wurde oder gering ausfiel.
Auch die verbindenden Elemente des Wandervogels: Lied, Musizieren, Tanz, Fahrt, Fest und Gemeinschaft kommen im Buch knapp weg.
Von rechtsstehend kann, zumindest im Wandervogel e. V. heute keine Rede sein. Das erklärt die Freude und die Begeisterung für den Wandervogel einerseits und die Schwierigkeit, über den Wandervogel zu schreiben und ihn parteistaatlich zu fördern andererseits.
Trotz dieser Widerspürche Lob und Anerken-nung für Rüdiger Ahrens und seinen Versuch, Bündische Jugend, und damit den Wandervogel, zu erklären. Das Buch regt zu anregenden Gedanken und fruchtbaren Gesprächen an.                                                                                                                                        hedo holland