Vergessen, was war? 100 Jahre Wandervogel zur Diskussion

Geschrieben von hedo holland am .

Vergessen, was war?

100 Jahre Wandervogel zur Diskussion       Stand: 15.5.18 - Meine Aussagen sind nicht festgeschrieben, sondern können sich durch Diskussion ändern. 

Der Wandervogel hat eine harte Geschichte hinter sich, wurde mehrfach verboten und von vielen angegriffen bis heute. Warum?

Verboten wurde er von Nazis und DDR, weil er zu freiheitlich, die Grenzen überschritt, Menschen formte, die Querdenker waren und sich nicht alles befehlen ließen. Für viele war die Meißnerformel so wichtig geworden, dass sie das eigene Leben selbst gestalten wollten, am liebsten in Gemeinschaft, im Wandervogelbund.

1913 wurde unser Bund "Wandervogel e. V." von Wandervögeln mehrerer Bünde als Zusammenschluss gegründet. Angegriffen wurde er, weil damals die meisten Jugendlichen im Wandervogel deutsch-national waren wie der Zeitgeist. Die Freiheitsbestrebungen 1848 wirkten nach. Und die Gründung des Deutschen Reiches 1871 mit der Vereinigung der vielen kleinen Staaten in Deutschland hatten zu einer Euphorie geführt, die auch die Jugendlichen ergriff. Die Mächte um Deutschland herum sahen Deutschland immer stärker werden. Konflikte schaukelten sich hoch, die zum 1. Weltkrieg führten.

Die Kritiker erwarten bis heute, dass die jungen Menschen aus dem Wandervogel klüger als die Erwachsenen hätten sein sollen, anstatt sich für den Krieg freiwillig zu melden, wie mein Vater und mein Onkel. Vom Krieg an entstanden Antikriegslieder. Und der Slogan „Nie wieder Krieg“ wurde für viele Wandervögel zum Leitbild. Es gab einen Wandel, eine Emanzipation, ein Nachdenken, ein mehr Hinwenden zur Selbständigkeit in Gemeinschaft nach der Meißnerformel. Wenn sie gewusst hätten, wie der neue Massenvernichtungskrieg  endet, wären sie schon vor dem Krieg als Jugendliche kaum freiwillig in den Krieg gezogen. Und heute: Wer würde sich jetzt von Wandervögeln freiwillig melden? Wohl fast keiner würde zur Armee gehen. Sehr viele waren nach dem Krieg nicht mehr deutsch-national, sondern eher freiheitlich, demokratisch und weltweit. Das bekamen Kritiker großenteils nicht mit und kritisierten die Bünde bis heute nach ihrem alten Gusto.

Es gab einen starken Flügel in Wandervogel, Freischar und Jungenschaften, der nicht dem Irrglauben Hitlers verfiel, sondern oppositionell trotz Verbot zusammenhielt. Die wohl größte Gruppe im Widerstand gegen die Nazis waren wohl Mitglieder der verbotenen Bünde. Wyneken sagte schon: „Hätte die Mehrheit des deutschen Volkes nach der Meißnerformel gelebt, die Nazis hätten wohl kaum die Macht erobern können.“ Adorno, der schärfste Kritiker der Jugendbewegung sagte: „Man weiß, wohin es die Jugendbewegung gebracht hat; wie ohnmächtig und unwahr sich der Versuch erwies, die Ferienmaskerade zum Sinn des Daseins zu erheben.“ 

Viele, die als Jugendliche das 3. Nazireich und den 2. Weltkrieg erlebt hatten und nun 25 bis 35 oder älter waren, bauten nach dem Krieg den Wandervogel wieder auf. Mein Vater kam gebrochen aus dem Krieg zurück und rief gleich 1945 zur Gründung einer Wandervogelgruppe auf. Hamburg lag in Trümmern, wir hatten alles verloren, die Firma und die Hoffnungen meines Vaters waren  kaputt, seine Eltern von Trümmern begraben.  Er sagte, die Gruppe sei für mich, damit ich zumindest etwas habe. In 4 Wochen waren wir 50 Jungs. Ein paar Abiturienten kamen durch Hans-Heinrich Muchow, einen Freund meines Vaters. Sie teilten uns in 3 Gruppen. Und ein Kern von etwa 20 Jungs blieb Wandervogel.

Wir waren zwischen 11 und 14 Jahren, fühlten uns frei, waren gegen Krieg und Bundeswehr, machten Auslandsfahrten.  Deutsche Volkslieder waren uns wichtig. Wir sangen viel Spirituals, Lieder aus Russland und vom Balkan und auch öffentlich, mit meiner Gruppe das tschechische „Na tu svatu“ und die Moorsoldaten. Wir waren damit nicht international und heimatlos. Welt und Heimat waren uns gleich wichtig. Über Parteipolitik sprachen wir kaum.

Das änderte sich für die, die 1963 beim Meißnertreffen 50 Jahre dabei waren. Old Wyneken nannte uns lahmes Wandergeflügel“. Das wollten wir uns nicht zweimal sagen lassen und fragten nach, was damit gemeint sei. Demokratie leben, Widerstand gegen Krieg und Bundeswehr, gegen das Wiedererscheinen von Nazis, für Mitmenschlichkeit und eine unverkrampfte Ostpolitik waren unsere Gedanken.Doc von der Freischar verketzerte die fast deutsch-nationale Straußpolitik und zeigte Alternativen auf. Arno Klönne besuchte uns und warb für Frieden und Befreiung von Atomwaffenlagern. Und im Ring Bündischer Jugend in Hamburg und auf der Waldeck fing es an zu gären gegen eine verstaubte Demokratie. Wir im Wandervogel hielten uns weitgehend frei von revolutionären Tendenzen und sind seither emanzipatorische Reformer: Allen Menschen Jahr für Jahr eine sich bessernde Welt, anfangend in und um Europa.

Erst 1998 konnten wir den Wandervogel e. V. als Lebensbund wieder gründen. Der ist heute ein kleiner Bund, mit mehr Älteren und wenig Jugendliche, der Mitmenschlichkeit und Naturschutz, Friedenswillen und Völkerfreundschaften will. Manche Kritiker bekamen die ständige Reform des Wandervogels gegen Willkür und falsche Autoritäten. Dafür stehen, sprechen und singen wir. In diesem Sinne feiern wir unsere Kulturfeste, machen wir unsere Weltfahrten und laden Interessierte herzlich zu uns ein. Jung und Alt, die zu uns kommen und für Mitmenschlichkeit, Frieden und Umweltförderung sind, heißen wir herzlich willkommen. 

Wenn nun in Deutschland bis 2025 60 Milliarden € für Wiederaufrüstung ausgegeben werden sollen und damit 1,5% der Wirtschaftsleistung. Das ist so nicht zu verantworten. Ein großer Teil der Summe sollte in einer neuen Art von Politik unseren Nachbarn in Afrika und im Nahen Osten zugute kommen, damit sich dort auf breiter Ebene mittelfristig Wohlstand auch für die Armen entwickeln kann. Die USA fördern Kriege und setzen weiter auf Gewalt und fordern höhere Wehretats, während an die Feinde der Demokratie Waffen geliefert werden. Umwelt, Landschaftszerstörung und Nahrung werden von Jahr zu Jahr schlechter, und Kinderarmut nimmt zu. Auch dagegen ist viel zu tun. Ich fordere einen öffentlichen 1/4Jahres-Quotienten für die Messung der Entwicklung von Luft, Boden, Wasser, für Kinder und für Bildung. Daran können sich Parteien messen lassen. Es lebe der Wandervogel!

Was meint Ihr? Können wir uns auf den letzten Absatz einigen?           Euer        hedo holland