Deutsche Rezensionen

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Liederjan
Vierzig Jahre - Sowieso
www.liederjan.com
Boshaft, witzig, ironisch, satirisch, lustig, verrückt – Das sind die „Liederjannis“. Zum Jubiläum gehen sie in die Luft mit Föhn, Konzertina, Tuba und Ukulele. Einen Walzer mit falschem Zwiefachen widmen sieunserer gestorbenen bayerischen Freundin Heidi Zink, die uns auf ihrer Harfe zusammen mit ihrem Gerry und ihrer „Fraunhofer Saitenmusik“ schöne Tänze bescherte. Von so geistvollem, hintersinnigen Humor wimmelt diese CD mit Liedern und Texten zumeist von Jörg und Hanne. Es sind Lieder und Balladen für den Frieden, zum Weihnachtsfest, zur verhinderten Emanzipation, vom Meer, von Auserwählten, von der anderen Heidi aus Oldesloe, der Harzreise, die Pleite-Polka, Das Pferd mit dem Holzbein (Musik von Brian McNeill) und den Song „40 Jahre unterwegs“, wofür ihnen Ehre und eine Laudatio. Und das kräftig. Schließlich bereiten sie uns nun schon seit über 40 Jahren Freude mit dem Motto: Sieh die Welt nicht nur Schwarz, sondern auch bunt. Also eine CD, die ganz Norddeutschland, sich selbst und nicht nur das auf die Schippe nimmt. h
Oskar Kröher

Fahrende Sänger
www.Spurbuch.de
Die Zwillingsbrüder Hein und Oss haben mit ihrem Singen Generationen begeistert. Unter den deutschen Liedermachern nehmen die „Volkssänger“ immer noch einen Spitzenplatz ein. Wie es dazu kam beschreibt Oskar Kröher. Es ist nicht das erste autobiographische Buch, das er vorgelegt; aber es ist dasjenige, das sich mit seiner Laufbahn als „Volkssänger“ befasst.
Angefangen hat alles mit der jungenschaftlichen „Singerei“ im Freundeskreis, doch zeigten sich bald darüber hinaus wesende Ambitionen. Diese kamen erstmals deutlicher zum Vorschein mit der Begründung des „Chanson Folklore International“ auf der Wandervogelburg Waldeck im Hunsrück.
An diesem ersten Festival 1964 nahmen bereits einige später berühmt gewordene Sänger teil. Für einige, darunter Hein und Oss, folgte darauf ein Auftritt beim Sender Freies Berlin. Mitwirkung bei weiteren Rundfunk- und Fernsehsendungen und erste Schallplattenaufnahmen schlossen sich an. Die Brüder wurden bekannt und wurden zu allen möglichen Veranstaltungen engagiert.
Für Oss, der inzwischen in seinem Traumberuf als Lehrer arbeiten konnte, erschien nach den frustierenden Jahren als Handelsvertreter das Leben gewonnen. Leider zogen auch dunkle Wolken auf. Seine Frau Trudel wurde von einer unheilbaren Krankheit befallen, die jahrlanges Siechtum mit sich brachte.
Doch mit den „Volkssängern“ ging es aufwärts. Es ist unmöglich, alle Konzertreisen aufzuzählen, die teilweise im Auftrage des Goethe-Instituts oder des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes erfolgt. Sie führten unter anderem in die USA, nach Georgien, Frankreich, Schweden und in die Niederlande. Hinzu kam die Mitwirkung bei unterschiedlichen Filmprojekten, hauptsächlich durch die Freundschaft mit dem Filemacher martin Schließler.
Hein und Oss machten sich auch als Liedforscher einen Namen. Sie entdeckten vergessene und verschwiegene Volkslieder und brachten mehrere Liederbücher heraus. Viele Liedertexte sind auch im vorliegenden Buch an passender Stelle eingestreut. Daneben unternahmen die Brüder im Stil der bündischen Jugend immer auch abenteuerliche Fahrten in Europa und Übersee.
Das Buch ist auch ein zeugnis der Freundschaften, die Oss über viele Jahrzehnte bis heute pflegt. Viele Namen wären hier zu nennen wie Franz Josef Degenhardt, katja Ebstein oder Hannes Wader, den Oss auf der Waldeck entdeckt hat. Besonders freundschaftlich beschreibt Oss den jung verstorbenen Peter Rohland (pitter), von dem er vielerlei Hinweise auf vergessene Lider erhalten hat. Oss hat ihm in seinem Buch ein Denkmal gesetzt. Nicht vergessen sei auch die Verbindung zu Germain Muller und Roger Siffer in Straßburg.
Das Buch erzählt viel vom Fernweh, dem die deutsche Jugendbewegung immer verfallen war, aber es erzählt auch von einer tief gehenden Heimatliebe und der Dankbarkeit, in der Geburtsstadt Pirmasens mit seiner Frau Gretel leben zu dürfen. Aus der Lieb zur pfälzischen Heimat entstand auch manches Engagement, so etwa die Tätigkeit im Pirmasenser Stadtrat oder der Einsatz für den Naturschutz.
Bleibt noch die schöne Gestaltung und Ausstattung des Buches zu erwähnen, angefangen vom Außentitel mit den Schwänen, gewissermaßen als Symbolvögel der Jugendbewegung. Nicht zu übersehen ist das schöne Druckbild. Jedes Kapitel fängt durch eine Initiale geziert auf einer rechten Seiten an; erfreulich auch der Bildteil aus dem Fundus von Oskar Kröher und schließlich die hervorragende buchbinderische Verarbeitung. Vor allem aber lebt das Buch fon der frischen und lebendigen Erzählweise des Autors.                                                                                   Heinz Schmitt

Ton, Steine Scherben
Vinyl-Box mit 8 CDs
www.rattaymusic.de
Es ist eine Pracht und Freude. Diese Lieder in solcher Qualität. Die „Scherben“ waren „meine“ Band mit Rio Reiser, für uns Grüne während der Studentenzeit. Und bis heute sind sie Wegweiser und Kultband für viele Wandervögel und mich. Die herrliche Musik mit der geilen Stimme von Rio macht mir heute noch eine Gänsehaut. Wir hatten nicht nur große Dichter im 19. Jahrhundert. Dies war die Dichtung meiner Selbstfindungszeit, für die Hausbesetzer, für die Schwulen, für die Unterdrückten, Keine Macht für Niemand. Meine Freunde und ich gewannen mit dieser Musik im Rücken und im Kopf Selbstbewusstsein. Heute sind wird selbst Chefs.
Die CDs Ton: „Steine Scherbe (2 CDs), Scherben, Wenn die Nacht am tiefsten (2 CDs), Warum geht es mir so dreckig?, Keine Macht für Niemand!“ Wie schön wäre es, wenn es so leicht ginge. Und ich höre, höre immerzu!
Sie singen gegen Unterdrückung am Arbeitsplatz, unter Freunden und in der Welt. Heute ist vieles zwar freier als damals. Dafür gibt es mehr Druck, besonders auf die Schwachen, und es gärt nun wieder. Kriege, Flüchtlinge, Terror, Schmuggel, Waffen- und Bombenhandel, Singles und Alleinerziehende sind Produkte der Fehlpolitik. Und wo sind die Sänger von Heute dazu? Schon gar nicht im Fernsehen und in den Massenmedien. Hören wir die CDs und bauen aus Tönen, Steinen und Scherben neue Taten. Wir können aber auch sagen: Viele Mittelstandschefs in Deutschland sind in den 40 Jahren viel besser geworden in ihrem Sozialverhalten, in ihrer Ausbildung, auch wenn manche Löhne noch recht dürftig sind. Dennoch ist immer noch vieles „Jenseits von Eden“ Den „Scherben“ gebührt, dass sie die erste große Rockband waren mit deutscher Sprache. Sie singen Freiheit und Gemeinschaft, politisch und doch ganz persönlich. Da liegt der Kern. Und das berührt mich. (puma)

Alexander Peppler – Arrive (2015)
Im Februar 2015 veröffentlichte der Liedermacher und rastlose Musiker Alexander Peppler sein Debüt "Arrive", das über die Dauer von fünf Titeln über Ankommen, das damit verbundene Aufbrechen und Beschreiten eigener (Irr)Wege berichtet. Ob Freiwillig oder unfreiwillig in der Tradition eines frühen Bob Dylan leben seine Stücke von einer Art ansteckendem Fernweh, das zwischen subtiler Freude und schleichender Melancholie pendelt und nach kaum mehr als 18 Minuten einen großen Appetit auf mehr hinterlässt. Das Debüt eröffnet mit "I've Seen The World" in beschwingter Country-Manier, ehe in gepresstem Tenor Strophe um Refrain vorgetragen wird. Peppler gelingt es wie nebenbei, Eingängigkeit und Monotonie zu trennen, denn gleichwohl vom üblichen Liedaufbau nicht abgewichen wird, übervorteilt das Arrangement diesbezügliche Einwände. Gen Ende, beinahe lagerfeueresk, gesellt sich dem musikalischen Stelldichein die Mundharmonika hinzu. "Your Lesson", der zweite Titel, beginnt mit lautmalerischem Nebenbeigesang, der Adam Green nicht minder gut zu Ohr stünde. Nun vom Schlagzeug und Bass begleitet, zeugt der Titel von einer unbeschwerten Leichtigkeit, die Exkurse ins Moll beschwingt weglächelt. Ein sehnsüchtelndes Cello begleitet Gesang, Mundharmonika und Gitarre bei "Oh Captain", der sich ganz einem wehen Bangen hingibt. Peppler gelingt mit seinem Debüt ein Geniestreich, der auf mehr und vor allem noch mehr hoffen lässt, und vereinnahmt seine Hörer über eine viel zu kurze Dauer – diese jedoch vollkommen. MH

Lokalkrimi
Peter Braukmann ist seit vielen Jahren als Musiker bekannt und geschätzt, sein literarisches Talent lebt er erst neuerdings aus. Auf die Dystopie „Die Insel“ (2014 in der Kieler Edition Narrenflug erschienen und nicht nur im FM hochgelobt) folgt nun ein Krimi: „Liebesgrüße aus Meißen“. Der Name des Verlages klingt auf den ersten Moment erschreckend, Bild und Heimat, aber dieser Verlag gehört zusammen mit dem über jeden Vorwurf erhabenen Rotbuch Verlag und der Name ist eher ein Witz. Dort erscheinen jedenfalls im Osten angesiedelte Krimis, eben auch dieser. Steffen Schröder, der Privatermittler („Privatdetektiv“ will er nicht genannt werden), trinkt gern gut, legt wahnsinnigen Wert auf die zu jeder Gelegenheit passenden Klamotten, und bei langweiligen Einsätzen liest er Karl May. Daß ein an einer Überdosis verschiedener Chihuahua aufgefunden wird, läßt zunächst nicht annehmen, daß Steffen bald keine Zeit mehr zum Lesen haben wird – aber die Frage ist doch, wie kommt so ein kleiner Hund an Crystal Meth, noch dazu im idyllischen Meißen? Die Spur führt über Dresden nach Prag und ins dortige Rotlichtmilieu, und es gibt weitere Opfer, die allesamt weniger sympathisch sind als das arme Tier, und unser Held muß Liebes- und sonstige Abenteuer überstehen, ehe er am Ende mit einer Flasche Whisky und ganz neuer Gesellschaft dasitzt und auf den nächsten Auftrag wartet. Wer die neue Gesellschaft ist? Wird nicht verraten. Selber lesen. Unbedingt! Peter Braukmann: Liebesgrüße aus Meißen, Bild und Heimat, 185 S., 9,99 http://www.bild-und-heimat.de   https://www.facebook.com/PeterBraukmann

Heimatbuch
In Nordfriesland gibt es unendlich viele spannende Ecken, Häuser, Läden, Landschaften, Dörfer, man kann sich endlos lange dort herumtreiben und immer noch Neues finden. Schön ist dann ein Buch, das viele zusammenfaßt und sicher auch für viele Neues bringt, Anregungen gibt. Jochen Reiss ist Journalist, und sicher ein guter, er schafft es immer wieder, in den jeweils nur eine Seite langen Texten das Wichtigste und Witzigste über den Ort, den er gerade beschreibt, zusammenzufassen, er liefert historische Fakten, erzählt Anekdoten, greift auf Sagen, Balladen und Lieder zurück, und auch, wer vielleicht gerade Themen für ein neues Lied braucht und gern im Norden ist, wird in diesem Buch eine Menge Anregungen finden. Die große Liebe des Autors gehört Sylt, das absolut überrepräsentiert ist, aber egal, auch Sylt ist schön, auch wenn, z.B., auf dem Amrumer Friedhof der Namenlosen viel länger angeschwemmte Tote, die nicht identifiziert werden konnten, begraben wurden als auf Sylt. Nervig aber sind Sätze wie: „Es lohnt sich aber, auch durch die Seitenstraßen zu kurven.“ Daß die Bewohner der Seitenstraßen allzuviel Kurverei vielleicht nicht so komisch finden? Geschenkt. Aber das ist die große Schwäche dieses ansonsten so schönen Buches. Dem Autor ist offenbar unbekannt, daß es nicht wenige Menschen gibt, die kein Auto haben, und auch solche, die nicht jeden kleinen Ausflug mit dem Auto machen wollen. Natürlich kann ein solches Buch nicht alle Busverbindungen anführen, aber wo Platz ist für Anweisungen wie „im Kreisverkehr die 3. links fahren, dann großer Parkplatz“, müßte auch Platz für den Namen der nächsten Bahnstation sein. Daß die Bahnlinien auf den Karten hinten im Buch fehlen, wundert nicht, macht es dann aber doch gleich viel weniger nützlich bei der Reiseplanung. Jochen Reiss: 111 Orte in Nordfriesland, die man gesehen haben muss. Emons Verlag, 230 S., 14,95 (GH)

Auch irgendwie ein Heimatbuch … ein fiktiver Ort irgendwo im Süden, wo jedes s als sch gesprochen wird, ist Schauplatz des Romans „Smalltown Blues“ von Birgit Utz. Die Heldin hat den üblichen stressigen Alltag junger Leute, die mit Schule und den Ehekrisen ihrer Eltern gequält werden, verliebt sich in eine Kollegin ihrer Schwester, die das aber nicht ernstnimmt, entflieht nach Hamburg und fällt gleich auf, weil sie in einer Kneipe um ein „Aschtra“ bittet. Melanie, so heißt sie, hört Boy George und Talking Heads, doch schon deutet sich an, daß es auch andere Musik gibt. Es ist das Jahr 1989, und die neue Freundin Chantal, die von ihren Eltern aus der DDR über Ungarn in Melanies Heimatort verschleppt worden ist, hört ihrerseits Billy Bragg. Schließlich entdeckt Melanie in Hamburg eine alte LP von Pete Seeger (oberpeinlich, lieber Verlag, der Druckfehler auf S. 218, der Mann heißt Seeger, nicht „Seegers“!), und was immer dabei herauskommen mag, es kann nur besser werden. Schöner Roman, viel Zeit- und Lokalkolorit, und dazu Zitate zum Wegschmeißen: „Wir singen zusammen weiter, bis die Pizza kommt. Sie sieht toll aus, rot und gelb und mit Blasen am Rand. Diese Gerichte, die direkt aus dem Ofen kommen, haben so etwas Tröstliches.“ Birgit Utz: Smalltown Blues, Krug & Schadenberg Verlag, 266 S., 16,90 (GH)

Romantip: Die meisten von uns haben bestimmt schon mal Verbreitungskarten aus dem Atlas der deutschen Volkskunde gesehen, z.B. die, auf der das Lied „Maikäfer, flieg“ dargestellt ist, in welchem Land der Vater ist, und das dann abbrennt, ist nämlich sehr unterschiedlich. Das niederländische Pendant zum deutschen Atlas heißt Atlas der niederländischen Volkskultur, und dieser Atlas, oder das Amsterdamer Büro, das denselben erstellt, ist der Held der legendären Romanserie „Das Büro“, von der jetzt der dritte Band in deutscher Übersetzung erschienen ist. Anders als beim AdV (wied er deutsche Atlas abgekürzt heißt) brauchen die Kollegen in Amsterdam offenbar keinerlei Vorkenntnisse über Volkskunde oder Feldforschung mitzubringen, und das erlaubt es ihnen, hemmungslos und dilettantisch Unsinn zu treiben und gegeneinander zu intrigieren. Daß trotzdem bei der Arbeit etwas herauskommt, stimmt optimistisch, ist für die Bücher aber egal – ein Lesegenuß über viele hundert Seiten, und es kommen noch weitere Bände. Daß Maarten Konink, die Hauptperson der Romane, zu Kongressen reist und dort Kollegen aus anderen Ländern trifft, macht die Lektüre noch aufregender. Kevin Danaher, Autor irischer Standardwerke, tritt in diesem Band auf, vorher schon konnten wir u. a. dem heißverehrten früheren Leiter des AdV (der in Bonn beheimatet ist) begegnen, dem Erzählforscher Matthias Zender, oder seinem Nachfolger auf dem Bonner Lehrstuhl, dem Niederländer Heinrich Leonard Cox. Der frisch erschienene Band, „Plankton“, geht bis 1975. Da trat Cox in Bonn die Zender-Nachfolge an, und als Assistenten heuerte er Max Matter an, den späteren Leiter des Freiburger Volksliedarchivs. Wir warten in atemloser Spannung auf Band 4. J.J. Voskuil: Plankton, deutsch von Gerd Busse, Verbrecher Verlag, 960 S., 29,90 (GH)