Dahlhoff Tänze

Geschrieben von hedo holland am .

Dahlhoff - Sammlung
Traditionelle Volkstanzmusik ist in
Norddeutschland fast überall weitgehend
ausgestorben. Daran haben
auch Wiederbelebungsversuche in den
1970ern und die Arbeit von Vereinen
für „Brauchtumspflege“ nichts ändern
können. Im europäischen Ausland,
z. B. in Irland, Schweden, Dänemark
ist das durchaus anders. Manchmal,
festgemacht an nur ganz spärlichen
Resten, einer Handvoll Gewährsleuten
und wenigen, kleinen Sammlungen,
hat sich dort über die Jahre eine große,
allgemeine Begeisterung entfalten und
neues Musikleben entwickeln können,
das auf alten Traditionen fußt.
In der letzten Zeit mehren sich auch
bei uns die Zeichen, dass eventuell
doch noch etwas geht: Ein bisschen
Interesse an der tatsächlichen
musikalischen Vergangenheit wird auf
einigen wenigen Festivals (Venne,
Hösseringen, Schwerin…) hörbar.
Mangels echter Tradition greifen viele
Musiker auf alte Quellen zurück, und
das ist gut so, gibt es davon doch mehr
als gedacht. In der Szene kursieren
inzwischen etliche Sammlungen1,
die vor das 19. Jahrhundert, die Zeit
des großen Traditionssterbens in
Deutschland reichen, und deshalb
auch noch lebendige Bilder von dem
liefern können, was einmal war.
Die Musiksammlung der Dahlhoffs
ist die größte, und die Stücke sind
allesamt schön. Sie ist extrem reich
an Formen, Melodien, Harmonien,
die sich wie von selbst finden. Sie
repräsentiert gut und gern zweihundert
Jahre traditionelle Familienmusik, aus
einem kleinen Dorf in Westfalen. Und
wenn sie wieder gespielt wird, hat
sie eine reelle Chance! Mir ist dabei
besonders wichtig, dass die Quelle
zunächst rein bleibt. Sonst wird man
niemals sehen/hören/fühlen, woran die
Leute früher Vergnügen hatten. Nichts
gegen Stilmixe, Weiterentwicklung,
aber in diesem Fall ist musikalischer
Artenschutz dringend vonnöten. Wir
müssen dazu stehen, was unsere
eigenen Wurzeln wirklich sind und
aufhören, ständig über den Zaun zu
schielen: die Musik der Dahlhoffs ist
eben nicht irisch, nicht schwedisch,
nicht französisch usw., auch nicht fancy
- mittelalterlich sondern westfälisch und
sehr eigenartig im besten Sinne!
Andererseits: Gerade weil die Dahlhoff-
Familie weltoffen auch Anregungen
und Melodien von anderswo ins eigene
Repertoire aufnahm, entstand so etwas
wie ein eigener Stil. Aus Fremdem wurde
im Laufe der Zeit Eigenes, ein Vorgang,
den man häufig in der Volksmusik
beobachten kann. Entscheidend ist
die Zeit, die Musik braucht, um
zu sich selbst zu kommen.
Die Originalvorlage für dieses Spielbuch
befindet sich seit vielen Jahren in
der „Staatsbibliothek Preußischer
Kulturbesitz“ Unter den Linden in Berlin.
Bei den zehn Bänden handelt es sich
wohl um die größte Tanzmusiksammlung
des 18. Jahrhunderts aus Deutschland,
insgesamt knapp 1400 Seiten. Auf
vielen Blättern sind zwei Melodien
notiert. Es gibt aber auch zahlreiche
Zweit- und Bassstimmen sowie
Variationen, die als „Doubletten“
gekennzeichnet sind.
Auf Initiative einzelner Volksmusik-
Enthusiasten hin gelang es 2012,
die alten Originale digitalisieren zu
lassen, so dass sie als PDF-Daten nun
jedermann zur Verfügung stehen. Vor
allem Simon Wascher, Drehleierspieler
und Musik-Forscher und Wolfgang
Meyering, Musiker und Redakteur bei
Deutschlandradio Kultur waren die
Initiatoren.
Um einige zu nennen: Das Wernigeröder
Tanzbüchlein 1786, Wolfenbütteler
Tanzbuch 1717, Seibiser Notenbuch
1784, Altländer Notenbuch 1792 2 http://
digital.staatsbibliothek-berlin.de/dms/
werkansicht/?PPN=PPN719868688
Mitfinanziert wurde das Unterfangen
von einigen nicht unbekannten Musikern
aus der Szene: Merit Zloch,
Simon Wascher, Wolfgang Meyering,
Thomas Behr, Matthias Branschke,
Ralf Gehler, Hermann Haertel, Kristina
Künzel, Michael Möllers, Anne
Schenker, Cordula Schönherr, Christian
Tewordt, Johanna Wildhack und Vivien
Zeller. (Aus der Webseite Michael
Möllers für Dahlhoff-Tänze)
Weitere Sammlungen
Wir können uns darüber klar sein, dass
viele alte Tanzsammlungen noch nicht
entdeckt oder gedruckt und allgemein
bekannt sind. In den Hamburger
Archiven und in den Vierlanden liegen
noch viele Sammlungen.
In meinem Besitz befinden sich die
Sammlungen von Wilhelm Warm-bier
aus Posen (Walzer, Polkas, Schottische,
Mazurken ab 1896) und von
Walter Bellmann (Feldforschungen in
der Nordheide).
Seit Jahren weisen wir im FM
immer wieder darauf hin, dass alte
Sammlungen noch kaum aufgegriffen
werden. In vielen Gegenden schlummern
und verstauben Schätze.
Die Trennung von Volkstanzszene
und Folkmusikszene hat das bisher
verhindert, mti Ausnahme einiger
Sammlungen in Schleswig-Holstein,
Baden-Württemberg und Bayern, wo
bei einigen Tanzleitern und Musikanten
ein Bewusstsein für diese Volksschätze
Besteht, Z. B. Bei Kögler, Reinhard
Frank, Dr. Wolfgang Schlüter, Dr....Ettl,
Volker Klotzsche.
Jetzt entsteht auch in der Folkszene
eine „Schatzgräber-Stimmung“, aus
der sich deutsche Volkstanzmusik
erneuern könnte. Wenn einige Bands
und Tanzkreise sich der Schät-ze
annähmen, könnten Wunder geschehen,
die uns zugute kämen. hedo holland
Dahlhoff-Tänze
bekannt machen
Es gibt nun die Dahlhoff-Band von
Michael Möller, mit besonderen
Arrangements, ein Dahlhoff Festival in
Dinker und Auftritte der Dahlhoff-Band
im Tanzhaus Hannover, beim Festival
Venner Folkfrühling, beim Bal Folk
in Köln, 2015 in Rudolstadt und beim
Windros-Festival in Schwerin.
Vielleicht ist die Wiederentdeckung der
Dahlhoff-Tänze auch für Tanzkreise
teils vergleichbar mit der Entdeckung
und dem Tanzen der Tänze von Carl
Bergmann in der LAG Schleswig-
Holstein.
Auch die Neuveröffentlichung und das
Tanzen der schwäbisch-alemannischen
Zwiefachen zielen in diese Richtung.
Für die Tanzkreise wäre wichtig, dass
eine CD in den Vertrieb kommt.