Russlandfahrt 1966

Geschrieben von hedo holland am .

Russlandfahrt 1966

Mit Russland verbindet uns alten Wandervögel viel. Die tollen Lieder. Die schönen Tänze. Das russische Volk. Die herrlichen Landschaften. Vor allem der starke Wunsch nach Freiheit und Aufbau unabhängig von Unterdrückern und Weltkapitalismus. Und natürlich unser Tschai.

Also sind wir nach Russland gefahren, um das Land aus eigener Anschauung kennenzulernen. Das war 1965 und ist über 40 Jahre her. Wir müssen jetzt wieder hin. Es gibt tolle Festivals in Russland. Sogar einige zum Mitmachen, zum Mittanzen, Mitmusizieren, Mitsingen. Und das in wunderbarer Umgebung, z. B. an der Wolga. Wer will auch hin und kommt mit?

 

Was war mir am wichtigsten, als ich 1965 in Leningrad und Moskau war (und in Lettland in Riga)? Ich wollte für mich erkunden, was Menschen im Ostblock von Freiheit denken und wie sie leben.

Mitgebracht habe ich mir eine Balaleika für 15 Mark und eine Matroschka. Einen schönen Russenkittel und eine Fellmütze bekam ich nicht.

Nach der Fahrt wurden wir vom Freideut-schen Kreis Hamburg eingeladen, einen Russlandabend zu gestalten, wir feierten eine russische Weihnacht, und wir gestal-teten für die Freischar ein spannendes Russ-landheft. Die Gruppe galt als Delegation des Ringes Bündischer Jugend Hamburg, und es fuhren ein paar andere aus anderen Bünden mit. Russische Komsomolzen und Deutschstudenten machten mit über 20 Teilnehmern einen Gegenbesuch.

Jetzt erzähle ich ein paar Stories:

Wir fuhren zum Kloster Zagorsk bei Moskau. Dort erlebten wir herrliches Singen der ganzen Gemeinde. Und wir sahen alte Frauen auf Gerüsten, die das Kloster renovierten. Vor dem Kloster bauten sich für uns drei betende Omas auf, die eine mit gefalteten Händen, die nächste mit erhobenen Händen, und die Dritte mit geballter Faust und Sowjetgruß. Zurück fuhren wir an wirklich armen, bewohnten, halb zerfallenen Häusern.

 

Durch Moskau führten mich zwei etwa zwanzigjährige Deutschstudentinnen. Ihre Studentenzimmer durfte ich nicht besichtigen, aber sie engagierten sich sehr für mich, beantworteten alle meine Fragen und waren begeistert, als ich ihnen einen geschmuggelten Spiegel, einen Ottokatalog und jeder ein paar Nylonstrümpfe schenken konnte.



Der Moskauer Pionierpalast mit hunderten von Kindern und Jugendlichen, alle mit rotem Halstuch, imponierte mir. Bilder von Sancho Pansa, Don Quichote, Picassobildern nachgeahmt. Viel Lachen und Freude. Viel fröhlicher und durchorganisierter, als Häuser der Jugend in Hamburg.

 

Die Eremitage in Leningrad hat mich besonders begeistert. Herrliche Bilder aus der russischen Geschichte von Wikingern an, riesig lange Gänge, so viel Kunst, dass mir nach drei Stunden und zwei Kunstkilometern der Schädel brummte. Das russische Essen mit Salat, Braten, Borscht, Solanka schmeckte und bekam mir gut. In großen Kantinen konnten wir so viel essen, wie wir wollten.

  

Ein Flug ging nach Riga, die Stadt großenteils mit viel Können wieder aufgebaut. Ich empfand Riga architektonisch als deutscheste Backsteingotik – Stadt. Wir hörten viel Kritik am Unvermögen der russischen Besatzerpolitik und am russischen Vorhaben, Lettland zu russifizieren. Wir wurden inständig gebeten, diese Klagen mit in den Westen zu nehmen.

 

Wir waren Estland- und Russland-freunde. Unsere Reise hatte uns vie-les gezeigt. Das durch die Sowjets im Wie-deraufbauen und Modernisieren Russland geleistet worden war. Wir kannten aber auch den westlichen Aufbau. Und wir waren froh, dass wir trotz Kapitalismuskritik im Westen leben und studieren durften.                               Hedo